Monthly Archives: October 2016

South Pacific Ocean

Briefe von Herr Hürzeler:

Der Anfang ist immer am schwersten, das gilt auch für die Briefe, die Herr Hürzeler in die endlosen weiten des Internets stellt. Es braucht Selbstbeherschung, nicht einfach kompletten Schwachsinn zu schreiben, genauso wie es Selbstbeherschung braucht, nach einem grossen Einkauf im Carrefour nicht sofort alle Snacks egal ob süss oder salzig aufzureissen und aufzuessen. Von Tahiti nach Tonga ist es mal wieder ein ganzes Stück Ozean und die Vergangenheit zeigte, dass ohne Rationierung des “Instant” Proviantes Meuterei in der Luft liegt. Deshalb wurden klare Regeln aufgestellt, wann werden welche Chips geöffnet, wieviel Cola Dosen hat es pro Person und wann wird der Marmor-Cake angeschnitten. So wurde eine Wiederholung der Geschichte von der Meuterei auf der Bounty (Tonga, 1789) erfolgreich verhindert. Ganz ohne Streik ging es aber nicht über die Bühne, dem Motor wurde aufgrund eines Lecks (ein Loch in der Ölwanne, alles was man reinfüllte, lief irgendwo unter dem Motor wieder raus) das Öl verweigert worauf er lautstark mit einem “Ölalarm” protestierte. So mussten wir auf Höhe der Cook-Inseln das eiserne Segel abschreiben und es wurde segellos “flautiert”. Das schöne am Wind, er gibt immer dann ein Comeback, wenn man nicht mehr so recht daran glaubt und wenn es so weit ist hört sich das Lied in den Segeln, das er pfeift um so schöner an. Paahh, was für ein gesülze, stimmt überhaupt nicht, als der Wind zurückkam nach der Flaute reichte es um die Flagge zu bewegen und ab und zu hauchte sogar der Windgenerator vor sich hin, aber an richtiges Segeln war nicht zu denken. Schlagende Genua, Regengüsse und Winddreher, konfuse See, aber das Fazit unseres neuen Crewmitglieds, der offiziell den Rank des Smutjes trägt, war “die spannendsten drei Segeltage bis jetzt”. Da steckt wohl mehr Seemann in Dominic als angenommen und Recht hat er, bei Schwachwind und Flaute lernt man das Boot und Segeln am besten kennen. Schön war es dann aber trotzdem als das GPS mal wieder fünf Knoten Fahrt anzeigte, vorwärts kommen ist halt doch ein tiefes Bedürfnis der Menschen. Apropos vorwärts kommen, Geschwindigkeit und so, wir haben unterwegs festgestellt, dass wir bereits die Hälfte der Kugel umsegelt haben. Das ging “dammi” schnell und wir wollen es in Zukunft etwas gemütlicher nehmen, weniger Stress und so, einen Gang runter schalten, vielleicht etwas mehr Ferien, weniger Segeln und mehr am Boot arbeiten, das relaxt, so kriegt man den Kopf frei und hat Zeit nachzudenken.

Zu reparieren gibt es, natürlich, auch wieder ein paar Dinge. Kurz nachdem der Motor wegen des Öllecks stillgelegt wurde, meldete unser mobiler Generator einen Fehler und verweigerte die Stromproduktion. Der arme “Geni” musste auch schon einiges über sich ergehen lassen und es war erstaunlich, wie zuverlässig er trotzdem über die letzten Jahre lief (kauften wir kurz nach dem Schiff). Aufjedenfall braucht der Bordmechaniker für das “Geni-Problem” Google und evtl. ein Ersatzteil. So schwamm Juliane in der Flaute mit zwei defekten Stromproduzenten, es blieb der Windgenerator, der nur bei Wind arbeitet und die Solarpanels, die nur produzieren wenn die Sonne scheint, beides war nicht der Fall. Also galt es Strom zu sparen, Kühlschrank aus, AIS aus, lesen bei Nacht mit Taschenlampe. Ob-La-Di Ob-La-Da life goes on, right?!

Jede Serie hat ein Ende. Der Wind kam und ging und wir gaben es auf, zu rechnen wann wir in Tonga ankommen. Auch unser angepeilter Zielhafen wechselte täglich, Niue, Neiafu, Nuku’alofa, ganz nach dem Motto wo hin der Wind uns trägt, Hauptsache etwas mit N. Der Gedanke, dass alle Manöver unter Segel ausgeführt werden müssen bei der Einfahrt, am Besten bei Stillwasser, ohne Strömung, hoffentlich bei idealen Windverhältnissen, war irgendwie schon fast ein bisschen sarkastisch und zum Glück noch weit weg.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaukelte Juliane 30 Seemeilen vor der Einfahrt von Nuku’alofa. Der Südwind war schwach und aus der “falschen” Richtung, so dass noch einmal Geduld gefragt war. Die Zeit verging mit “Whale watching”, dutzende Buckelwale zeigten uns ihre Kunststücke. Die Zahl der Wale hier ist unglaublich, in den Wintermonaten kommen sie aus der Antarktis in die warmen, Planktonreichen Gewässer um ihre Neugeborenen aufzuziehen. Es ist verboten sich den Walen auf weniger als 100m zu nähern, da wir uns aber kaum bewegten war das kein Problem und die Wale schienen sich nicht an Juliane zu stören. So hatten wir nahe Begegnungen mit den sanften Riesen. Eine eindrückliche Erfahrung.

In der Nacht von unserem 23. Tag auf See kam etwas Nord-Ost Wind auf und wir schaften es vor die Einfahrt des Channels nach Nuku’alofa, dort war dann aber defintiv Schluss mit der Brise und wir versuchten über VHF die Hafenbehörden oder andere Segler zu erreichen, jedoch erfolglos. So entschieden wir uns, das Dinghy aufzupumpen und mit unserem 4PS Aussenborder den Channel in Angriff zu nehmen. Mit knapp 2 Knoten steuerten wir durch den breiten Channel die letzten 15 Seemeilen bis zum geschützen Ankerplatz. Glücklich angekommen, ankerten wir auf 17 Meter Tiefe auf Sand vor einer schöner Palmenstrandkulisse. Kurz danach machten wir uns auf, um noch vor dem Wochenende einzuklarieren. Das ganze lief unbürokratisch und sympathisch ab und wir hatten ein 3 monatiges Visa im Pass. Der Gemüsemarkt ist nicht weit vom Hafen entfernt und so kauften wir Gemüse, Salat und Früchte, die Hälfte wurde uns geschenkt, freundlicher hätte der Empfang nicht sein können in Tonga. Neben unserem Ankerplatz befindet sich der “Big Mamas” Yacht Club und es gibt keinen besseren Ort für ein Willkommens-Bier und Fish&Chips. Die Crew war Happy und Juliane freute sich darauf, dass hier im ruhigen Wasser der Motor repariert werden kann. Am nächsten Tag wurde das Boot geputzt, Internet gekauft und mit Hilfe des Baums (Querbalken der am Schiffsmast hängt) der Motor angehoben. Es zeigte sich ein kleiner Haarriss in der Ölwanne, den wir mit Dichtungsmasse reparierten.

Nun freuen wir uns auf Iris, die am Donnerstag für einen Monat zu Besuch kommt. Es soll viel zu entdecken geben; eine unglaubliche Unterwasserwelt, Höhlen, Kirchengesänge und natürlich wollen wir noch mehr Wale sehen. Vielleicht fangen wir auch noch einen Schwertfisch, kurz vor Tonga hatten wir in der Flaute unverhofft einen an der Angel, aber er kämpfte sich mit meterhohen Sprüngen frei. Der Kapitän war fasziniert und die Crew froh, dass kein Fisch mit einem spitzigen Schwert im Cockpit zappelte.

Eigentlich wäre der Blog ja quasi als öffentliches Tagebuch gedacht und für uns, so dass wenn wir alt und senil sind uns noch daran erinnern können. Wieso der Kapitän also verwirrte Briefe schreibt anstatt Reiseberichte, darüber kann er sich dann im Alter den Kopf zerbrechen. Vielleicht hat er bis dann auch begriffen, wie das genau funktioniert mit dieser Datumsgrenze. Die Juliane hat diese Grenze überquert und einen Tag verloren, den gibts jetzt einfach nicht in unserem Leben, am Donnerstag war einfach schon Freitag. Dafür sind wir jetzt der Schweiz voraus, quasi in der Zukunft, wenn also jemand wissen will, wie die Welt von morgen aussieht, kann er oder sie bei uns nachfragen.

Es grüsst aus Nuku’alofa der Kapitän,

Herr Hürzeler

PS: Falls Petrus zufälligerweise mitliest; wir wünschen uns mehr Doraden im Südpazifik und weniger Tuna und einen etwas konstanteren Passatwind, das wäre auch schön. Ansonsten sind wir ziemlich anspruchslos ?