Monthly Archives: June 2019

Letzte Segelwochen in Griechenland

Nach einer dreitägigen Überfahrt durchs Mittelmeer sind wir Ende Mai in Kastellorizo in Griechenland angekommen. Zum ersten Mal seit langer Zeit legte die SY Juliane wieder in Europa an. Was das Ankern betrifft, mussten wir uns gleich umgewöhnen: Frei ankern in der Bucht ist oft keine Option, da hierfür schlicht der Platz fehlt. In Kastellorizo hiess es deshalb Anker runter und mit dem Heck zum Quai, wo wir uns mit Leinen befestigten. Klassisches ankern à la méditérranée.

Kastellorizo

Kastellorizo ist ein typisches griechisches Dorf, malerische Häuser in allen Farben prägen die Bucht. Nach den Einklarierungsformalitäten, wir mussten Schiff und Crew wieder in den Schengen-Raum einführen, statteten wir uns im Supermarkt erst mal Bier, Feta und Rohschinken aus und genossen die Gaumenfreuden. In Sachen Essen macht Europa so schnell keiner was vor und wir schätzten es, all die Leckereien wieder zu erhalten. Auch das Umherspazieren macht wieder mehr Freude als in asiatischen Städten oder der Wüste des Sudans und so schlenderten wir oft durchs Dorf und erklommen den Hügel dahinter.

Kastellorizo von oben
Burgbesteigung
Aussicht aufs türkische Festland

Um einige Gyros im Magen reicher verliessen wir Kastellorizo nach fünf Tagen und fuhren über Nacht nach Rhodos, wo wir in der Bucht von Lindos ankerten. Da wir gemäss Wettervorhersage erst eine Woche später ein gutes Wetterfenster für unsere Weiterfahrt erhalten, beschlossen wir, die Zeit in Rhodos für einige Unterhaltsarbeiten zu nutzen. Wir schliffen und strichen den Wasserlauf, was längst überfällig war, polierten Edelstahl und reinigten die Wasserlinie. Als wir eine Woche später wieder aufbrachen, sieht unsere Juliane schon fast wieder wie neu aus.

Wir fahren vorbei an vielen Inseln in Richtung Athen, daran vorbei und durch den Kanal von Korinth. Dieser ist mit 200 Euro für die 30-minütige Durchfahrt zwar nicht günstig, aber zum Abschluss unserer Reise können wir uns ja nochmals was gönnen 🙂 Die Fahrt durch den Kanal war denn auch ein sehr schönes und eindrückliches Erlebnis.

Warten auf die Einfahrt in den Kanal
Korinth-Kanal
Korinth-Kanal

Nach dem Kanal ging es noch für einen Tag weiter bis nach Kefalonia, wo wir uns als ersten Stopp das Dorf Fiskardo ausgesucht hatten. Uninformiert wie wir waren, mussten feststellen, dass dies wohl eine der von all den Charterseglern am meisten besuchten Buchten ist. So gab es für uns täglich ein ziemlich unterhaltsames Ankerkino, teils waren die Manöver allerdings so haarsträubend, dass einem das Lachen verging. Mit jedem Tag wurden wir geübter darin, Juliane von den in sie krachenden Booten zu beschützen und überstanden den Aufenthalt somit unbeschadet.

Fiskardo – der grosse Ansturm kommt erst noch

In Fiskardo kamen dann auch die ersten Kaufinteressenten für Juliane zu Besuch (Wir hatten unser schwimmendes Zuhause einige Wochen davor zum Verkauf ausgeschrieben). Thomas und Susanne entschieden sich dann auch ziemlich schnell, dass sie Juliane kaufen möchten und so war der Abschluss unserer Reise auch bereits geregelt. Für uns hiess das, dass wir die letzten zwei, drei Wochen auf dem Schiff noch so richtig geniessen können, bis wir Juliane dann Mitte Juli in Brindisi übergeben.

Nach dem Trouble in Fiskardo gönnten wir uns einen Tag Auszeit in einer, zumindest für griechische Verhältnisse, einsamen Bucht, bevor wir nach Zakynthos fuhren, wo Albi mit seiner Freundin Rachel wieder an Bord kam.

Bucht von Agia Sofia
Im Stadthafen von Zakynthos

Gemeinsam verbrachten wir zwei gemütliche Wochen, erkundeten einige Ankerplätze und genossen das Nichtstun. Auf Paxos fanden wir dann unsere Lieblingsbucht und beschlossen, bis zur Überfahrt nach Brindisi hier zu bleiben. Den Tag durch erscheinen zwar einige kleinere Ausflugsboote, über Nacht sind wir jedoch meistens allein und können die schönen Abend- und Morgenstunden in Ruhe geniessen.

Lieblingsbucht
Lieblingsschiff in Lieblingsbucht

Nun sind wir noch für einen Tag hier, geniessen das Schwimmen im glasklaren Wasser und die letzten Tage, in denen wir einfach“Nichts“ tun können. Morgen Montag gehts dann rüber nach Brindisi, wo wir Juliane Mitte Juli an die neuen Eigner übergeben werden.

Hinauf durchs Rote Meer

Von Djibouti in den Sudan

Die Fahrt von Djibouti in den Sudan führte uns als erstes durch die Strasse von Bab el Mandeb, die nur 15 bis 20 Meilen breite Einfahrt ins Rote Meer. Rechts liegt Djibouti, links der Jemen. Für die ersten 36 Stunden sagte die Windprognose leichten Gegenwind und Flaute voraus, wir fuhren fürs Erste also mal wieder unter Motor. Danach sollten wir 18 bis 25 Knoten Raumwind haben, um bis in den Sudan zu kommen.

Nach einer ereignislosen Nacht kam am Nachmittag des zweiten Tages wieder einmal ein Kriegsschiff in Sicht, hinzu kamen plötzlich auch einige kleine Fischerboote in der Umgebung. Kurze Zeit später wurden wir von einem Militärhelikopter überflogen und dies so tief, dass die Soldaten mit den Maschinengewehren im Anschlag gut von Auge sichtbar waren. War im Golf von Aden immer klar, dass das gesichtete Militär hauptsächlich zu unserem Schutz anwesend war, fühlte sich diese Situation ganz anders an. Das Militär wollte sehen, was und wer wir sind. Etwa zehn Minuten später folgte dann der zweite Überflug des Helikopters, auch diesmal wieder extrem tief. Ich wurde etwas unruhig, irgendwie fühlte sich das alles komisch an. Und dann kam er, dieser grosse Knall, gefolgt von einer Druckwelle. Irgendwo über der jemenitischen Küste muss eine Bombe niedergegangen sein, so stark, dass wir sie auch 15 Meilen von der Küste entfernt noch deutlich hören und spüren konnten. Es ist schwierig, dieses Gefühl zu beschreiben, das Spüren einer Bombenexplosion und das Wissen, dass nicht allzu weit entfernt wohl auch Menschen gestorben sind. Ich zumindest war so aufgewühlt, dass ich Andi wecken und mir moralische Unterstützung holen musste. Ja, wir fahren gerade durch ein Kriegsgebiet.

Der Rest des Nachmittages verlief dann ruhig und ohne weitere Zwischenfälle. Wir waren aber beide sehr erleichtert, als wir in der Nacht die Hanish Inseln hinter uns lassen konnten und somit wieder ausserhalb der Hochrisiko-Zone waren. Zudem konnten wir nun, da das Rote Meer breiter wurde, etwas mehr Abstand zur jemenitischen Küste halten. Auch der Wind nahm langsam zu und für die nächsten drei Tage segelten wir angenehm und mit guter Geschwindigkeit dem Sudan entgegen.

Das Land um den Hafen von Suakin war erst knapp zwei Meilen vor der Küste sichtbar, und auch dann nur spärlich. Die schlechte Sicht durch den Sand in der Luft und die flache Wüstenlandschaft führen dazu, dass sich die Küste erst aus der Nähe blicken lässt. Ist die Küste aber mal in Sicht, ist die Szenerie ziemlich eindrücklich. Die sandige Küste ist gesäumt mit Korallenriffen, die Farbe des Meeres wechselt von tiefblau zu türkis, dahinter die weiss-beige Wüstenlandschaft. Irgendwie alles auch ziemlich surreal, aber wunderschön. Wir ankerten in der rundum geschützten Bucht hinter dem alten Stadtteil von Suakin, der leider nur noch aus Ruinen besteht. Mohammed, der Agent für alle Segler, die in Suakin ankommen, erledigte für uns das Einklarieren und stattete uns auch gleich mit SIM-Karten aus. Wir konnten uns somit entspannt dem Willkommens-Bier widmen.

Hafeneinfahrt Suakin
Ankerbucht mit Blick auf Suakin
Die Ruinen von Alt-Suakin

Brotkauf in Suakin

Auch an Land war die Atmosphäre in Suakin eindrücklich. Auch wenn an jeder Ecke sichtbar ist, dass wir uns in einem extrem armen Land befinden, hat diese Wüstenlandschaft doch auch eine Art magische Ausstrahlung. Uns beiden hat es jedenfalls gleich sehr gut gefallen. Die Einwohner von Suakin waren äusserst freundlich, Andi wurde auf seinem morgendlichen Entdeckungsgang gleich von einem Lehrer zum Kaffe eingeladen. Dadurch, dass Suakin bis auf ein paar Segler keine Touristen anzieht, fallen wir natürlich auf und werden von überall her gegrüsst.

Häuser in Suakin
Ruinen
Kamele vor der Markthalle
Sonnenuntergang in Suakin

Am Tag vor unserer Abfahrt machte sich Andi Frühmorgens noch auf den Weg, um in der nahegelegenen Bäckerei ein Sack voll von dem leckeren einheimischen Fladenbrot zu kaufen. Leichter gesagt als getan. Brot ist als wichtigstes Grundnahrungsmittel vom sudanesischen Staat subventioniert, und pro Person kann ein Sack mit maximal 30 Stück Fladenbrot gekauft werden. Vor der Bäckerei wartete bereits eine lange Schlange von Menschen darauf, ihre tägliche Ration erwerben zu können und die Bäckerei konnte die Nachfrage nur schleppend stillen. Auch bei den anderen zwei Bäckereien sah die Situation nicht anders aus, es galt also anzustehen und zu warten. Die Stimmung war angespannt, teils gereitzt, und laute Wortgefechte wurden immer wieder ausgeführt. Wenn man hier miterlebt, welchen Stellenwert dieser Brotbezug für das Leben der Sudanesen hat, erstaunt es auch nicht mehr, dass es die Erhöhung des Brotpreises war, die zu landesweiten Protesten und schlussendlich zum Sturz von Diktator al-Bashir führte.

Motoren gegen den Wind bis Suez

Nach drei Tagen in Suakin bot sich uns bereits das nächste gute Wetterfenster, um weiter nach Norden zu kommen. Ab Suakin bis nach Suez herrscht fast ausschliesslich Nordwind, unterbrochen von ein paar Tagen Flaute. Ein gutes Wetterfenster zu erwischen heisst für die nächsten 700 bis 800 Meilen also, in den Windstillen Tagen so weit nördlich wie möglich zu motoren, um dann an einem geschützten Ankerplatz auf die nächste Flaute zu warten. Die Windprognose gab uns zwei Tage mit leichtem oder keinem Wind, um nach Norden zu kommen. Während des zweiten Tages erhielten wir via Satellitentelefon ein Wetterupdate, und es sah so aus, als ob am dritten Tag mit weniger Gegenwind als ursprünglich vorausgesagt zu rechnen sei. Da danach bereits die nächste Flaute vorausgesagt war, entschieden wir uns zu versuchen, direkt bis nach Port Ghalib in Ägypten durchzufahren. Unser Übermut rächte sich dann am Abend des dritten Tages, als wir bei bis zu 20 Knoten Gegenwind fast nur noch an Ort und Stelle in die Wellen stampften. Das macht so keinen Sinn und wir entschieden uns, umzudrehen und über Nacht 80 Meilen zurück bis nach Gezirat Halaib zu segeln. Sobald der Kurs angepasst war und wir den Wind wieder von achtern hatten, war es auch gleich wieder um einiges angenehmer an Bord.

Kurz nach Mittag kamen wir in Gezirat Halaib an, wie so viele Buchten in Ägypten ein Stützpunkt des Militärs. Bei Gezirat Halaib kommt hinzu, dass sich die Bucht im umstrittenen Grenzgebiet zwischen dem Sudan und Ägypten befindet, allerdings schon seit langem unter ägyptischer Verwaltung steht. Wir wurden dann auch gleich nach der Einfahrt von drei Mitgliedern des ägyptischen Militärs besucht, alle in Badehosen, einer mit Gewehr. Wir erklärten, dass wir aufgrund des starken Windes nicht weiter könnten und gerne für eine Nacht ankern würden. Nach der Kontrolle unserer Papiere sowie einigen Telefonaten erhielten wir die Erlaubnis, über Nacht zu bleiben und wurden gleich noch zu einem guten Ankerplatz geführt. Müde fielen wir ins Bett und schliefen in der perfekt geschützten Bucht tief und lange.

Auch hier war die Landschaft wieder extrem eindrücklich, Meer, Korallen und dahinter nichts als Wüste, ab und zu ein paar wilde Kamele, die umherlaufen. Auf der Suche nach besserem Handyempfang stieg Andi auf den Mast und nutzte die Gelegenheit gleich noch, um ein paar Fotos zu schiessen.

Aussicht vom Mast
Blick auf das Dock mit Militärboot

Am späteren Nachmittag machten wir uns wieder auf den Weg, Ziel war diesmal das 200 Meilen entfernte Sharm Luli. Die Überfahrt verlief ruhig, und ausser einem Besuch von Delfinen ist nicht viel passiert.

Delfin-Besuch

In Sharm Luli kamen wir gerade noch rechtzeitig an, bevor der Nordwind wieder so richtig loslegte. Für zwei bis drei Tage fegte der Wind mit 25 Knoten durch die Bucht, die Böen waren teils noch einiges stärker. Doch auch hier lagen wir perfekt geschützt in der Bucht und nutzten die Zwangspause, um einige kleinere Unterhaltsarbeiten am Boot vorzunehmen. Ein grosser Nachteil dieser schönen Ankerplätze in der Wüste ist, dass das Boot permanent mit Sandstaub überzogen wird. Seit dem Sudan sind wir am putzen und putzen und einen Tag später ist dann doch wieder alles voll. Wir beschränkten uns deshalb aufs gröbste und planten, unsere Juliane im Yachtclub in Suez einer guten Süsswasserdusche zu unterziehen.

Es windet in Sharm Luli
Bei dem Wind und den kühleren Temperaturen gibts mal wieder Fondue
Blick auf die Fischerboote und Wüste
Nichts als Sand und Hügel

Nach fünf Tagen Pause in Sharm Luli aufgrund des Nordwindes brachen wir wieder auf für die letzten 400 Meilen im Roten Meer. Im schmalen Golf von Suez bahnten wir uns unseren Weg zwischen Cargoschiffen und den hunderten Ölplattformen bis nach Suez, wo wir am Steg des Yachtclubs festmachten.

Eine der vielen Ölbohrplattformen
Besuch an Bord
Hier gibts etwas Wasser zur Erfrischung

Hier galt es nun, die Formalitäten für die Durchfahrt durch den Suezkanal zu erledigen und auf ein Wetterfenster für die Überfahrt nach Griechenland zu warten. Viel hatten wir bereits gelesen und gehört von mühsamen ägyptischen Offiziellen, von Bakshesh, das überall bezahlt werden muss. So schlimm kanns ja wohl nicht sein, dachten wir uns und wollten uns unsere eigene Meinung bilden. Leider behielten die vielen negativen Berichte Recht, für jede Kleinigkeit wird Bakshesh verlangt, Regeln scheinen extrem willkürlich und jeder in einer Uniform nimmt sich etwas gar wichtig. Wir hatten schnell genug und hofften, Ägypten bald hinter uns zu lassen.

Ein letzter Znacht in Suez – Albi und Andis Vater Hans sind wieder mit an Bord

Wir hatten Glück und konnten bereits nach vier Tagen weiterziehen, zuerst durch den Suezkanal und dann wieder zurück ins Mittelmeer. Am 16. November 2015 verliessen wir das Mittelmeer durch die Strasse von Gibraltar, um dreieinhalb Jahre später mit 30’000 Seemeilen mehr auf dem Buckel wieder zurück nach Europa zu kommen. Nun heisst es erst einmal Kurs Griechenland!

Fischer-Segelboot mitten im Suezkanal